Für dich wird dein Beruf auch dein Hobby sein

Projekt. Interview mit Dr. Ursula Davatz

Ausgebildet als Ärztin, Psychiaterin und Systemtherapeutin nach Murray Bowen, arbeitet Frau Dr. med. Ursula Davatz als Dozentin, Supervisorin und Referentin. Sie hat über 30 Jahre Erfahrung im Umgang mit Familiensystem und Indexpatienten aus dem schwierigsten psychiatrischen Formenkreis wie Schizophrenie, Drogensucht, Essstörung, Psychosomatik und Delinquenz.

Welche Ausbildungswege sind Sie gegangen um all das erreichen zu können?

Schon während meinem Medizinstudium in Basel wusste ich, dass ich im Anschluss Psychiatrie studieren möchte. Als ich noch in der ersten Kanti in Aarau war, wollte ich Tiermedizin und danach Verhaltensforschung bei Tieren studieren und nach dem Psychologie. Aber da dachte ich mir, dass ich doch noch nicht mit zwanzig in die Psychologie kann. Ich musste zuerst noch etwas älter werden und, mehr Erfahrung sammeln. Deswegen machte ich zuerst Medizin und danach Psychiatrie. So bin ich ins Medizinstudium in Basel eingestiegen und schloss es dort auch ab. Dabei habe ich mich immer für Schizophrenie und Psychiatrie interessiert.

ADHS ist keine Krankheit

und dürfte deshalb auch nicht mit den psychiatrischen Diagnosen figurieren. ADHS ist eine Normvariante der menschlichen Vielfältigkeit, ein Persönlichkeitstyp, der genetisch vererbt ist. Dieser Persönlichkeitstyp hat Vor- und Nachteile, er kann mit ganz besonderen Begabungen einhergehen, aber auch mit gewissen Schwächen in anderen Leistungsbereichen. Durch ihre hohe Sensitivität sind diese Menschen in der Interaktion mit dem Umfeld vielen Verletzungen ausgesetzt. Diese sich negativ auf die Entwicklung der Menschen mit ADHS auswirkenden Umfeldeinflüsse können schliesslich zu psychiatrischen Krankheitsbildern führen, zu Folgekrankheiten. 75% der Erwachsenen mit ADHS erhalten zusätzlich eine psychiatrische Diagnose. Dies muss nicht so sein, wenn wir das Umfeld von Kindern mit ADHS schon früh beraten, damit diese „persönlichkeitsgerecht“ behandelt werden können, sodass sie nicht unnötig Schaden nehmen und psychisch krank werden. 25% der Kinder mit ADHS entwickeln sich zu interessanten Persönlichkeiten, manche davon erbringen sogar hervorragende Leistungen in Wissenschaft, Kunst oder auch in der Wirtschaft.
Es ist mir aus diesem Grund ein grosses Anliegen präventiv einzugreifen. Ich unterstütze das erzieherische Umfeld dieser speziellen Kinder mit ADHS möglichst früh fachlich kompetent und betrachte sie aber nicht als krank, sondern vielmehr als Menschen mit einem bestimmten Persönlichkeitstyp. Durch entsprechende Beratung des erzieherischen Umfeldes können aus meiner Überzeugung diese 75% psychischer Krankheiten mit grösster Sicherheit heruntergesetzt werden. Diejenigen, die schon das 20. Altersjahr erreicht haben – es geht ja um ADHS 20+ – sind kompetent zu unterstützen, sowohl in ihrer Berufsfindung wie auch in der Lebensführung, wo immer dies nötig ist. Dadurch müssen sie sich nicht zeitlebens als Aussenseiter fühlen innerhalb der Gesellschaft, sondern als wichtige, integrierte Mitglieder, die einen eigenwilligen und interessanten Beitrag zur Vielfalt der menschlichen Gesellschaft liefern können.
Denn es gilt das biologische Gesetz: Inhomogene Populationen überleben besser als homogene.

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